PFAS: Umweltgifte für die Ewigkeit

(aktualisiert 5.2.2024)

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFAS) sind eine große Gruppe industriell hergestellter Fluorchemikalien, die in den 1940er Jahren entwickelt wurden. Sie werden wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Funktion in vielen Produkten genutzt. Man findet die Stoffe heute überall, von der Teflonpfanne über Fast Food Verpackungen hin zu Outdoor-Kleidung, sogar die Weltraumforschung kommt ohne PFAS nicht aus. PFAS sind weltweit in den Ökosystemen nachweisbar, die Sanierungen sind aufwändig und kostenintensiv, wenn überhaupt möglich. PFAS sind persistent und gesundheitsschädlich, jeder wird sie mittlerweile im Blut haben. Deswegen sollen in Europa die PFAS als Gruppe verboten werden, Ausnahmen sind vorgesehen (s.a. PFAS-Verbot: Beschränkte Sicht auf PFAS-Beschränkung), trotzdem wird laut und kontrovers diskutiert.

 

PFAS: Fluch oder Segen unserer modernen Welt?

PFAS sind auf der einen Seite also eine Erfolgsgeschichte und erleichtern uns das moderne Leben. Auf der anderen Seite sind sie aber auch Ursache für die Gefährdung von Menschen und Ökosystemen, denn:

PFAS können bei ihrer Produktion, bei der Verwendung und dann bei ihrer Entsorgung in die Umwelt gelangen.

Deswegen verteilen sich die Chemikalien weltweit über Luft, Flüsse und Ozeane, man findet sie in Eisbären oder Möwen ebenso wie in Wildschweinen bis hin zu Regenwürmern. Sogar in der Meeresgischt und im Regen hat man sie gemessen. Die Suche nach Alternativen zu den "Umweltgiften für die Ewigkeit" hat begonnen.

PFAS: Aufnahme und Grenzwerte

Wir nehmen die Chemikalien über die Nahrungskette auf, relevant sind Trinkwasser, Fisch und Meeresfrüchte. Weitere tierische Produkte, insbesondere Innereien, aber auch Milch und Milchprodukte, Fleisch, Eier sowie pflanzliche Lebensmittel können messbare Gehalte an PFAS aufweisen und langfristig zu messbaren Gehalten z.B. im Blutplasma führen. Man geht mittlerweile davon aus, das jeder PFAS im Blut hat.

Auch in der neuen EU-Trinkwasserrichtlinie sind PFAS nun berücksichtigt. Die neue EU-Trinkwasserrichtlinie (DWD) ist nach ihrer Veröffentlichung im Dezember 2020 am 12. Januar 2021 in Kraft getreten. Am 31. März 2023 hat der Bundesrat die neue Trinkwasserverordnung gebilligt, die am 24.6.2023 in Kraft getreten ist und die erstmalig Grenzwerte für PFAS enthält.

In Deutschland hat man sich für die „Summe PFAS“ entschieden, und der neue Grenzwert für PFAS wird in zwei Stufen eingeführt. Ab dem 12. Januar 2026 gelten 0,1 Mikrogramm pro Liter (µg/L) als Summengrenzwert für eine Gruppe von 20 trinkwasserrelevanten PFAS-Substanzen. Für vier spezielle Substanzen aus der PFAS-Gruppe (PFHxS, PFOS, PFOA, PFNA) sieht die TrinkwV ab 2028 zusätzlich einen Grenzwert von 0,02 µg/L für die Summe aus diesen Verbindungen fest“, so das Umweltbundesamt in einer Pressemitteilung.

Die Grenzwerte müssen dann von den Wasserversorgern überprüft und eingehalten werden. Das Umweltbundesamt rät allerdings dazu, dass die Wasserversorger die PFAS-Werte im Trinkwasser vorsorglich überprüfen, um gegebenenfalls Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Bei Lebensmitteln gibt es für PFAS EU-weite Vorgaben: die Europäische Kommission hat aufgrund wachsender Erkenntnisse neue Grenzwerte für die zulässigen Höchstwerte für vier langkettige PFAS in Lebensmitteln veröffentlicht, die seit dem 1.1.2023 für Eier, Fische, Krebstiere, Muscheln sowie für Fleisch und Schlachtnebenerzeugnisse von Nutz- und Wildtieren gelten. 

PFAS-Verbot als Konsequenz

Während die globale PFAS-Belastung also immer (noch) weiter zunimmt, hinkt die Regulierung der fluorierten Chemikalien hinterher.  Verbote einzelner PFAS existieren zwar, aber dieses Vorgehen erweist sich angesichts der schieren Menge der Stoffe - je nach Definition  mehr als 12.000 - als nicht unbedingt zielführend und auch nicht als schnell genug.

Deshalb haben die Behörden Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, Norwegens und Schwedens am 13. Januar 2023 unter REACH, der Chemikalienverordnung der Europäischen Union, einen gemeinsamen Vorschlag zur Beschränkung von Per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) eingereicht. Das vermeintliche PFAS-Totalverbot wird sehr kontrovers diskutiert und die Chemie- und Industrieverbände warnen lautstark vor den vermeintlichen Folgen.

PFAS-Prozess: Von der Absicht zum Vorschlag zur Entscheidung

Es gibt drei Phasen im Prozess des Verbots der Verwendung von PFAS. 
Der erste (abgeschlossene) Schritt bestand darin, einen Beschränkungsvorschlag vorzubereiten und einzureichen.
Die zweite Phase begann mit der Einleitung einer öffentlichen Konsultation. Jeder konnte Informationen oder eine Stellungnahme zu dem Vorschlag einreichen. Diese Phase endete am 25.9.2023. "Während der Konsultation sind Kommentare aus 53 Ländern bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) eingegangen. 23 % der Kommentare kamen dabei aus Deutschland. 68 % der Kommentare wurden von Industrieverbänden oder Unternehmen eingereicht, 28 % von Einzelpersonen und 4 % sind Kommentare von Nicht-Regierungsorganisationen, Behörden, Forschungseinrichtungen oder anderen Organisationen", schreibt das Umweltbundesamt in einer Pressemitteilung. Weitere Details und Abbildungen sind, ebenso wie der Zeitplan, auf der Seite der ECHA öffentlich (https://echa.europa.eu/de/-/echa-receives-5-600-comments-on-pfas-restriction-proposal ). Der nächste Schritt besteht nun darin, dass die wissenschaftlichen Ausschüsse für Risikobeurteilung (RAC) und sozioökonomische Analyse (SEAC) der ECHA ihre Stellungnahmen vorbereiten.
In der letzten Phase erarbeitet die Europäische Kommission einen Vorschlag. Die Mitgliedstaaten werden entscheiden, ob sie diesen Vorschlag annehmen oder nicht. Nach der Entscheidung treten die Rechtsvorschriften in Kraft.

 

Gibt es PFAS-freie Produkte?

Ja, natürlich gibt es auch jetzt schon PFAS-freie Produkte, zum Beispiel bei Outdoorjacken oder Pfannen, Kosmetik, Coffee-to-Go-Bechern, Farben, Kindersitzen, Wärmepumpen, Fotovoltaikanlagen etc. etc.. Es ist aber ein bisschen aufwändiger, diese Sachen zu finden, ausführliche Informationen dazu gibt es hier in dem Artikel PFAS-frei, eine Übersicht und in PFAS: Ja, nein, vielleicht.

 

PFAS in Mittelbaden

In Mittelbaden sind die Chemikalien über mutmaßlich damit belasteten Papierschlamm-Komposte auf die Äcker gekommen und haben dort zu einer großflächigen Belastung von Boden und Wasser geführt; 1105 Hektar Boden und 58 Quadratkilometer des Grundwassers sind betroffen. Die Landwirtschaft wird kontrolliert, Beregnungs- und Gartenbrunnen sind reglementiert, das Trinkwasser muss gereinigt werden, die KLäranlagen bauen eine vierte Reinigungsstufe ein, um die Chemikalien herauszufiltern. In Blutuntersuchungen hat sich gezeigt, dass Teile der Bevölkerung die PFAS auch im Blut haben.

Der PFAS-Skandal in Mittelbaden ist eines der aktuellsten und flächenmäßig größten Beispiele für eine regionale Belastung, steht aber auch symptomatisch für die wachsende globale Bedrohung durch die „Ewigkeits-Chemikalien-PFAS“.

PFAS-Infoveranstaltung in Rastatt, Foto Klatt

 

PFAS allgemein und PFAS in Mittelbaden:

 

Weitere Infos gibt es auch hier:

    • Klatt, P. (20.04.2023) Der "Rastatt Case" - PFAS für Generationen, Analytik.News, Fachartikel 2023, https://analytik.news/fachartikel /2023/17.html  
    • Klatt, P., (20.04.2020), Umweltgifte für die Ewigkeit, Spektrum
    • Klatt, P., Zehn Jahre PFAS-Belastung in Mittelbaden, Mitt Umweltchem Ökotox 2/2022
    • PFAS-Report 2022, Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen, Überblick und Situation in Österreich
    • Borchers et al. (2022), PFAS im Trinkwasser, energie | wasser-praxis 09/2022  

 

 

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