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Ein persönlicher Rückblick auf den Ruhestand von Reiner Söhlmann
Seit 2015 war Reiner Söhlmann das Gesicht der PFAS-Geschäftsstelle im Landratsamt Rastatt. Kaum jemand hat den PFAS-Skandal in Mittelbaden so lange und so intensiv miterlebt wie er. Zwischen Behörden, Wissenschaft, Politik und Betroffenen war er oft Vermittler, Erklärer und Ansprechpartner. Und stellte dabei immer wieder fest, wie mühsam Verwaltungsabläufe und Abstimmungsprozesse sein können.
Jetzt hat sich „Mr. PFAS“ Ende Juni in den Ruhestand verabschiedet. Er hinterlässt große Fußstapfen.

Man hatte sich daran gewöhnt; „Hast du eine Frage zu PFAS in Mittelbaden? Frag Reiner Söhlmann von der PFAS-Geschäftsstelle im Landratsamt“ – nun müssen wir uns umgewöhnen. Seine letzte „Amtshandlung“ als Mr. PFAS hatte Söhlmann am 23. Juni bei der Infoveranstaltung zu der Situation in Weitenung. Trotz Hitze kamen rund 100 Interessierte, um mehr über erhöhte PFAS-Werte im dortigen Baggersee sowie die Lagerung von PFAS-belasteten Böden in den Bühler Bußmatten zu erfahren. Die Fragen waren gesittet und man war überwiegend an Fakten interessiert.
Das hörte sich 2015 noch etwas anders an. „Da riefen Landwirte bei mir an, weil sie Einschränkungen bei dem Anbau und der Bewässerung hatten“, erinnert sich Söhlmann. Er habe den Hörer vom Ohr weg halten müssen, weil die Äußerungen sehr laut und sehr erbost gewesen seien.
Die Anfangsjahre waren also turbulent. Um sich einen Überblick über die Belastung zu verschaffen, hat man gemessen, untersucht und passende Vorgaben für die rechtssichere Bewertung schmerzlich vermisst. Die Anzahl der Flächen nahm zu, die Grundwasserbelastung ebenfalls. Das Vor-Ernte-Monitoring wurde eingeführt, es gab immer neue angepasste PFAS-Werte sowie emotionale Diskussionen über die Verwendung des eigenen Gartenbrunnens im PFAS-Land. Die Badischen Neuesten Nachrichten titelten: „Pumpe wird zum heiligen Gral“.
Es folgten Flyer, Broschüren, Newsletter, europäische Kooperationen in Sachen PFAS sowie die Teilnahme an bundespolitischen Sitzungen zu PFAS und diversen Gerichtsverfahren – langweilig war es in der PFAS-Geschäftsstelle sicher jedenfalls nicht.

Wie alles begann: Von Routine weit entfernt
Bereits 2017 formulierte Söhlmann eine Einschätzung, die sich bis heute als bemerkenswert zutreffend erwiesen hat:
• „Man wird lernen müssen, mit der Belastung umzugehen. Es erscheint unmöglich, den Schaden insgesamt zu beseitigen“, (Interview für die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN)). Und er wünschte sich schon damals einen Handlungsleitfaden zur Bearbeitung von PFAS-Schadensfällen.
Ein Jahr später im August 2018 beschrieb er in den BNN die vielen PFAS-Facetten in Mittelbaden:
• „Dafür werden umfassende Maßnahmen durchgeführt wie beispielsweise Untersuchungen von Boden und Grundwasser, Hilfestellung zur Bauleitplanung, Forschungs- und Untersuchungsprojekte, Öffentlichkeits-Information. Die Auswirkungen der PFC-Umweltbelastung sind – auch aufgrund der teilweise noch fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen – jedoch überaus komplex, deshalb ist mittlerweile klar, dass es eine schnelle und umfassende Lösung nicht geben wird. Was wir hier, mit Schwerpunkt in der PFC-Geschäftsstelle, ständig lösen, sind individuelle, kleinräumigere Problemstellungen, um die Auswirkungen der Belastungen zu minimieren“.

„Das PFC-Problem scheint nun auch in der Bundespolitik angekommen zu sein – sowohl unser regionaler ‘Rastatt-Case’ als auch die bundesweite Relevanz von PFC-Belastungen“, sagte Söhlmann im November 2019. Die Region Mittelbaden war Impulsgeber für eine bundesweite PFC-Arbeitshilfe, die in Berlin vorgestellt wurde.
Ein wichtiger Schritt gelang 2021 mit der Einführung lebensmittelrechtlicher Beanstandungsgrenzen für höher belastete Lebensmittel. Söhlmann sprach damals von einer wichtigen Grundlage für rechtssichere Entscheidungen, solange europaweit noch keine verbindlichen Grenzwerte existierten.
Auch die Forschung gewann zunehmend an Bedeutung. Im europäischen Projekt ZeroPM arbeiteten unter anderem das Landratsamt Rastatt, das Technologiezentrum Wasser (TZW) in Karlsruhe und die Stadtwerke Rastatt zusammen. „Der Rastatt-Case ist mittlerweile sogar international bekannt“, sagte Söhlmann im März 2022.

Digitale Informationsangebote wurden währenddessen kontinuierlich ausgebaut. Das GIS-System des Landratsamts entwickelte sich zu einem wichtigen Instrument für Verwaltung und Öffentlichkeit. Grundstückseigentümer können sich heute beispielsweise über die Belastung ihrer Flächen informieren – eine wichtige Information, denn belasteter Bodenaushub muss häufig aufwendig entsorgt werden.
• Die GIS-Technologie samt ihrer spielerischen und investigativen Möglichkeiten ist wohl das Baby des Landratsamtes. Man kann sich in dem Programm, basierend auf Geodaten, sehr viele verschiedene Dinge anzeigen lassen. (KIT-Studierende 2023)
2025 würdigte auch das Umweltbundesamt die Arbeit in Mittelbaden. Annegret Biegel-Engler sprach von einem „ungeheuren Datenschatz“, der inzwischen entstanden sei und anderen PFAS-Regionen wichtige Erkenntnisse liefere.
Die Politik hingegen ließ Söhlmann manchmal ratlos zurück: "In dem Ausschuss hatten alle von PFAS gehört, ob die Kenntnisse über die ganze Stoffgruppe sehr tief gehen, wage ich zu bezweifeln. Von den realen Folgen hatten die Leute keine Ahnung". (Söhlmann über seinen Besuch bei Umweltausschuss des Deutschen Bundestages, 2025)
Beteiligung an Forschungsprojekten
Neben den Behördenarbeiten unterstützte Söhlmann aber auch die PFAS-Forschungen – auch wenn er so Manchem erklären musste, dass das Landratsamt diesen oder jenen Ansatz nicht finanziell unterstützen könne. Aber PFAS-Boden können sie für Ihre Untersuchungen jederzeit bekommen, „davon haben wir genug“.
„Die Forschung hilft uns, Schritt für Schritt weiterzukommen. Die Erkenntnisse über PFAS/PFC waren am Anfang doch sehr bescheiden. Mittlerweile weiß man durch die Forschung doch etwas mehr. Dies hat auch praktische Konsequenzen für unsere Arbeit“, so Söhlmann in einem Interview mit PFAS-Dilemma im Jahr 2022.

Auch wissenschaftlich hat Söhlmann Spuren hinterlassen. Ein Blick auf Google Scholar zeigt inzwischen acht Fachpublikationen mit seiner Beteiligung. Die Themenpalette ist breit gefächert: Sie reicht vom TOP-Assay, AOF und EOF über das Phytoscreening bis hin zu konkreten Untersuchungen zur PFAS-Belastung im Landkreis Rastatt.
Kurz nachgefragt: Söhlmanns persönliche Bilanz
Sein größter Erfolg?
Söhlmann: Dass heute alle in der Region an einem Strang ziehen und wir von einer problem- zu einer lösungsorientierte Vorgehensweise gekommen sind. Die Bevölkerung hat Vertrauen in behördliche Maßnahmen, diese Kommunikation funktioniert. Es gibt genug Infos dazu wie die Flyer, denen allerdings lange Entscheidungsprozesse voraus gegangen sind.
Wo hat er auf Granit gebissen, was war schwierig?
Söhlmann: Manchmal war die Zusammenarbeit mit den übergeordneten Behörden einfach schwierig, wobei die Stabsstelle ausdrücklich ausgenommen werden muss. Vielleicht würde ich nicht von "auf Granit gebissen" sprechen, sondern eher von Gummi.
Auch die Rechtsverfahren hätten Nerven gekostet und sich hingezogen. Aber es sei erfreulich, dass das Landgericht Baden-Baden nun so deutlich entschieden habe. (Anmerkung: Klage Stadtwerke Rastatt gegen den Komposthändler).Welche Eigenschaft braucht die Nachfolgerin / der Nachfolger?
Söhlmann: Fachwissen und Weitblick; beispielsweise bei der Frage, was auf den Landkreis zukommt, wenn die Aktualisierung von Grenzwerten kommt? Das Vor-Ernte-Monitoring muss als Dauereinrichtung bestehen bleiben, dabei muss alles praktikabel sein. Und dann braucht er / sie auch die notwendige Flexibilität bei praktischen Lösungen.
Viele Diskussionen über die Kommunikation des PFAS-Falles
Söhlmann betreute Master- und Bachelorarbeiten, hatte ein offenes Ohr für Promovierende und nahm sich auch mehrfach die Zeit, um meinen Studierenden viele Fragen über PFAS und auch über die schwierige Kommunikation des Problems zu beantworten.

Und meine Diskussionen mit Reiner Söhlman über die Tücken der PFAS-Kommunikation könnten wahrscheinlich Bände füllen: Warum ist den Leuten die Problematik nicht bewusst, obwohl jeder betroffen ist und wir inmitten der PFAS-Region Rastatt leben? Nach jeder Fernsehsendung über den Rastatt-Case wie zuletzt im April 2026 auf ARTE („Gift in unserem Alltag – Die Plage der PFAS“ von Stenka Quillet und Quentin Noirfalisse) riefen Leute aus der Region bei Reiner Söhlmann an, die noch nie etwas von der Kontamination vor ihrer Haustür gehört hatten.
Aber wieso eigentlich nicht? Sind PFAS zu abstrakt? Zu kompliziert? Die Namen der Chemikalien zu unaussprechlich? Oder ist ganz einfach der Google-Algorithmus ein Problem? Informationen gibt es jedenfalls zuhauf. Und Skandale ebenfalls (PFAS global).
Wir haben keine zufriedenstellende Antwort gefunden.
Interview zum Schluss
Im BNN-Interview im April 2026 fiel der Rückblick von Reiner Söhlmann, Landrat Christian Dusch sowie dem Ersten Landesbeamten Sébastien Oser gemischt aus. Es sei nicht so einfach gewesen, das in den Griff zu bekommen. Allein die Masse der Untersuchungen und Beurteilungen sei enorm umfangreich gewesen, so Söhlmann. Und am Anfang habe man auch nicht gewusst, welches "PFAS-Potpourri" in Mittelbadens Böden schlummerte. Es habe erst erfasst werden müssen, was durch die Papierschlämme in die Böden gelangt sei, dabei seien die Forschungsprojekte hilfreich gewesen.

"Jetzt sind wir dann soweit, dass man sich Gedanken darüber machen kann, welche Flächen prioritär saniert werden könnten", so Söhlmann und verwies auf ein neues Forschungsprojekt, das sich genau mit diesen Fragen beschäftige. Aber auch bei der Sanierung von einzelnen Flächen brauche man eine Finanzierung, betonte er.
Flexibilität gefordert
Sowohl Dusch als auch Söhlmann betonten, dass es bei der Bearbeitung der PFAS-Belastung manchmal auch Fälle geben würde, bei denen die normalen Vorschriften nicht greifen würden. „Nehmen Sie die Einleitung in Bäche und Flüsse: Normalerweise ist es nicht erlaubt, belastetes Wasser einzuleiten. Das ist hier aber ein Sonderfall, bei dem die normalen Vorschriften nicht greifen und Vorgaben fehlen. Wir müssen dadurch Entscheidungen ohne Rechtsgrundlage treffen und eigene verhältnismäßige Kriterien entwickeln, was wiederum viele Diskussionen mit den übergeordneten Ministerien auslöst", so Söhlmann. Man könne aber den Betroffenen schlecht sagen: Tut uns leid, aber dafür haben wir keine Vorgaben.
PFAS-Geschäftsstelle international gefragt

Die Vielschichtigkeit und weitreichenden Konsequenzen der PFAS-Belastung zeigten, wie wichtig es gewesen sei, dass der Landkreis mit der PFAS-Geschäftsstelle eine übergeordnete Anlaufstelle geschaffen habe, so Sébastien Oser. Reiner Söhlmann habe in den vergangenen Jahren in dieser übergreifenden PFAS-Problematik mit Bravour über die Ämter hinweg agiert.
Die PFAS-Geschäftsstelle sei zu einer Anlaufstelle rund um PFAS geworden. Sie sei regional verankert, aber auch international gefragt. „Forschende kommen weltweit auf uns zu“, so Oser.
„Mit seinem Ruhestand geht auch die jahrelange Erfahrung verloren, die Reiner Söhlmann in den letzten zehn Jahren gesammelt hat“, so Dusch. Er sei froh, dass sich Söhlmann bereit erklärt habe, weiterhin mit seinem PFAS-Wissen zur Verfügung zu stehen.
Und ich? Ich bin froh, dass Reiner Söhlmann das "PFAS-Schiff" in Mittelbaden durch die unruhigen ersten Jahre gesteuert hat und bei all dem seinen Humor auch nur manchmal ein bisschen verloren hat :) Es sind große Fußstapfen, die er hinterlässt.

Quellen:
- Klatt, P. (2017, 12. Mai). Der Wunsch nach einem PFC-Handlungsleitfaden. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Huse, S. (2018, 17. Mai). PFC in Mittelbaden: Pumpe wird zum heiligen Gral. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2019, 15. November). Region Mittelbaden ist Impulsgeber für bundesweite PFC-Arbeitshilfe. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2021, 21. Juli). Baden-Württemberg führt strenge PFC-Grenzwerte in Lebensmitteln ein – Landratsamt Rastatt ist zufrieden. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2022, 30. März). Forschungen in Mittelbaden: Wie können PFC im Wasser eliminiert werden? Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2025, 10. Oktober). Region Rastatt als Hotspot der PFAS-Belastung: Viele offene Fragen und ein paar Lösungen. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2026, 11. März). So arbeitet Bühl an Lösungen für die PFAS-Belastung im Trinkwasser. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2026, 29. April) Vor Ruhestand: PFAS-Beauftragter des Landkreises Rastatt über schweren Weg zum Status Quo. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2026, 28. Mai). PFAS im Weitenunger Badesee: Werte steigen schneller als erwartet. Badische Neueste Nachrichten. bnn.de
- Klatt, P. (2023, 20. April). Der "Rastatt Case" - PFAS für Generationen. Analytik NEWS. https://analytik.news/fachartikel/2023/17.html . analytik.news
- Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg. (2026, 9. Juni). 1,2 Millionen Euro für PFAS-Forschung. [Pressemitteilung]. baden-wuerttemberg.de
- pfas-dilemma.info. (2026). Klage der Stadtwerke Rastatt gegen Komposthändler. pfas-dilemma.info pfas-dilemma.info. (2026).
- PFAS Global. Abgerufen am 5. Juli 2026, von pfas-dilemma.info
- Röhler, K. (2023). Long-term behavior of per- and polyfluorinated alkyl substances (PFAS) on contaminated agricultural sites in Germany [Dissertation, Eberhard Karls Universität Tübingen]. TOBIAS-lib. doi.org . uni-tuebingen.de
- Söhlmann, R. (2024). PFAS in Mittelbaden: Reiner Söhlmann über Forschung, Schutzmaßnahmen und das ZeroPM Projekt [Interview]. pfas-dilemma.info. pfas-dilemma.info
- Quillet, S. & Noirfalisse, Q. (Regisseure) (2026). Gift in unserem Alltag: Die Plage der PFAS [Video]. ARTE. arte.tv
- ZeroPM. (n.d.). ZeroPM: Zero Pollution of Persistent, Mobile and Toxic Chemicals. Abgerufen am 5. Juli 2026, von zeropm.eu
© Patricia Klatt/pfas-dilemma.info

