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PFAS-Zeitungsartikel

Warum Lokaljournalismus auch Durchhaltevermögen und Unterstützung braucht: Rückblick auf zehn Jahre PFAS-Berichterstattung in Mittelbaden

Zum Tag des Lokaljournalismus wird viel über Bürgernähe und neue Medienformate gesprochen. Doch was passiert, wenn ein Jahrhundertskandal wie die PFAS-Verunreinigung in Mittelbaden auf den beschleunigten Takt der modernen Redaktionen trifft? Im Rückblick auf ein Jahrzehnt intensiver PFAS-Recherchen mein persönliches Plädoyer für Kontinuität: Wir riskieren, die großen Zusammenhänge zu verlieren, wenn wir nur  in Momentaufnahmen und Projekten denken. 

Der „Tag des Lokaljournalismus 2026“ ist eine Initiative von IPPEN.MEDIA und Co‑Initiator DRIVE, einer Initiative von 30 regionalen Zeitungsverlagen, koordiniert von dpa und Highberg/Schickler. Insgesamt haben sich dem Aktionstag schon über 100 Medienmarken angeschlossen:

"Lokaljournalismus ist demokratische Grundversorgung im Alltag. Ein eigener Tag setzt ein Zeichen für Wertschätzung, Qualität und Zukunft". (Zitat)

 

Medien haben die Macht, Unsichtbares sichtbar zu machen. Das habe ich persönlich erlebt, als ich als Expertin und Begleiterin an der ARTE-Dokumentation „Gift in unserem Alltag – Die Plage der PFAS“ mitwirken durfte. Dort wurde der PFAS-Skandal als das behandelt, was er ist: ein globales Drama von großer Tragweite. Aber da jedes globale PFAS-Drama natürlich zuallererst im Lokalen stattfindet, braucht man die Lokalredaktionen, die das Thema aufgreifen und kontinuierlich berichten. 

Worum geht es und wer ist betroffen?

Durch die jahrelange Aufbringung von PFAS-belasteten Papierschlamm-Komposten wurden zwischen Rastatt und Bühl 1105 Hektar Boden mit diversen PFAS belastet. Von den Böden gelangen sie ins Grundwasser; als Folge davon müssen alle Trinkwasserversorger der Region das Wasser reinigen, das Blut der Leute wurde untersucht. Die Landwirtschaft wird kontrolliert, die Bewässerung ist reglementiert, vom Verzehr der Fische wird abgeraten. Boden darf nicht deponiert werden, die Kiesindustrie ist betroffen und Bauvorhaben ebenfalls. Die juristische Aufarbeitung läuft. Eine Zusammenfassung der Folgen der großflächigen PFAS-Belastung können Sie hier nachlesen: 👉 PFAS in Rastatt und Mittelbaden

Die Kraft des Lokaljournalismus liegt bei dieser Berichterstattung neben der Aktualität auch in der Beständigkeit; wir sind vor Ort und reden mit Betroffenen und Behörden. Und wir übersetzen ein schwieriges Thema für die Leute. Und das nicht nur ein- oder zweimal, sondern jahrelang: in Mittelbaden nun bereits seit 2014, 2015. 

Beginn der Berichterstattung

Wenn ich an die Anfänge vor zehn Jahren zurückdenke, war die Welt der Recherche und Berichterstattung noch eine andere.

Es gab diesen wunderbaren, fast abenteuerlichen Freiraum. 

Die Unterstützung der Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) war damals vor allem eines: Vertrauen in den journalistischen Instinkt. Man gab uns, die wir über die verschiedenen Facetten des Skandals berichteten, die Zeit und die Freiheit, tief zu graben, Verbindungen zu knüpfen und die Puzzleteile der PFAS-Verschmutzung langsam zusammenzusetzen.

Screenshots verschiedener BNN-Artikel über PFAS-Mittelbaden

 

Persönliche Berichterstattung; vom Lokalen und Globalen

Wenn ich einen Blick in meinen „BNN-PFAS-Ordner“ (https://bnn.de/search?q=patricia+klatt&rows=12) werfe, bin ich dankbar für das Vertrauen von so vielen Seiten, das mir geschenkt wurde. Die Berichterstattung reicht von komplexen PFAS-Dokumentationen (2016 & 2018) über eine Panoramaseite zu fünf Jahren PFAS (gemeinsam mit Swantje Huse) oder über Serien über die Geschichte der PFAS, über PFAS in Konsumgütern, über Interviews, Berichte über PFAS-Workshops und natürlich die unzähligen Artikel über aktuelle PFAS-Ereignisse, Politikerbesuche oder diverse Workshops.

Anders herum wurde von den BNN auch über meine Recherchen für das Netzwerk Recherche in Hamburg berichtet und meine PFAS-Broschüre in den BNN vorgestellt.

Drei Personen - Vorstellung PFAS-Broschüre Klatt

 

Globale Gifte im Gesamtkontext

Ich bin allerdings überzeugt davon, dass man auch im Lokalen über den Tellerrand hinausschauen muss und die globalen Umweltgifte PFAS eben nicht nur als lokales Problem benennen, sondern in den Gesamtkontext einfügen muss.

Die politische Dimension

Reiner Söhlmann, der Leiter der PFAS-Geschäftsstelle am Landratsamt Rastatt, informiert die Berliner Politik über unseren Fall; die BNN berichteten.

Söhlmann Bundestag

PFAS-Historie, Lobbyismus, PFAS-frei, alternative Lösungen …

Die BNN berichteten

Screenshots BNN, PFAS-Berichterstattung

Der Wind hat sich gedreht: Wenn Ewigkeitschemikalien auf kurze Aufmerksamkeitsspannen treffen

Heute hat sich das Spielfeld gewandelt. In Zeiten von Algorithmen und digitalen Lesegewohnheiten wird Information oft in Raster gezwängt. Alles muss auch online und auf Social Media (sofort) funktionieren. 

Hier zeigt sich für mich die große Herausforderung: Was ist relevant und wie gewichten wir ein Thema? PFAS-Berichterstattung ist kein Projekt, das man nach drei Monaten mit einer Multimedia-Story oder einem Film abschließt. Es ist eine Daueraufgabe, die einen längeren Atem verlangt und die Freiheit und den Raum benötigt, um darüber berichten zu können. Wir brauchen bei diesem Thema die Zusammenhänge und nicht nur einzelne Artikel. Der Leser muss auch durch online-Verlinkungen auf ältere Berichte hingewiesen werden, um sich zu erinnern und um einordnen zu können. Und manchmal muss man auch innehalten und sich an bereits Erreichtes erinnern wie an diese Recherche-Erfolge - die Forderungen hatte ich in der BNN-Dokumentation von 2016 gestellt:

 

Lokaljournalismus braucht auch langen Atem

Lokaljournalismus ist manchmal eben auch ein Marathon. Wir müssen die neuen, schnellen Formate bedienen, ja. Aber wir dürfen dabei den langen Atem nicht verlieren. Denn am Ende ist es auch die beharrliche, jahrelange Begleitung, die den Unterschied macht.

Ich bin der Ansicht, heutzutage braucht der Lokaljournalismus einfach beides. Die einzelnen Berichte, Meldungen, Geschichten und Aktionen – aber auch den roten Faden wie bei dem Umweltskandal in Mittelbaden; wie bei der lokalen Berichterstattung in den BNN, die in dieser Form ihresgleichen sucht und zu einem regionalen PFAS-Archiv geworden ist. Auch das kann Lokaljournalismus :)

 

Links:

 

© Patricia Klatt / pfas-dilemma.info

 

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