Acht Jahre Recherche, interne Konzernakten und die Geschichten betroffener Familien
In „Die Vergiftung der Welt – Der globale PFAS‑Skandal und wie er vertuscht wird“ zeigt die amerikanische Investigativjournalistin Mariah Blake, wie aus einem chemischen Erfolgsprodukt ein weltweites Gesundheits- und Umweltproblem wurde – und warum Aufklärung und Regulierung so lange verschleppt wurden.
"PFAS sind nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu schmecken. Sie erhöhen das Risiko für Krebs, für ein schwaches Immunsystem, für Fettleibigkeit und Unfruchtbarkeit. Einmal produziert, bleiben sie für Jahrzehnte in der Umwelt. Und sie sind inzwischen überall. In der Ostseebrandung, im Fisch, im Trinkwasser, in unserem Blut. Die menschengemachten PFAS sind inzwischen viel verbreiteter, als wir alle glauben – auch in Deutschland. Und das macht dieses Buch so besonders: Es geht weit über die auf den folgenden Seiten beschriebenen Fälle in den USA hinaus. Die Probleme in Hoosick Falls sind Probleme, die wir auch in Europa, die wir auch in Deutschland haben", schreibt Daniel Drepper (Nieman Fellow der Harvard University & Vorsitzender Netzwerk Recherche) im Vorwort der deutschen Ausgabe.
Buchdaten
Autorin: Mariah Blake
Originaltitel: They Poisoned the World – Life and Death in the Age of Forever Chemicals
Deutsche Ausgabe: oekom verlag
Erscheinung: 25. Februar 2026
Genre: Sachbuch / Investigativjournalismus / Umweltpolitik
Seitenzahl: 336
ISBN: 978-3-98726-515-0
Blakes Buch ist als einer von fünf Finalisten für den PEN/E.O. Wilson Literary Science Writing Award 2026 in den USA nominiert.
„Die Vergiftung der Welt – Der globale PFAS-Skandal und wie er vertuscht wird“
ist eine gründliche Recherche zum globalen PFAS-Skandal der letzten Jahrzehnte. Die amerikanische Investigativjournalistin Mariah Blake rekonstruiert in ihrer achtjährigen Arbeit auf Basis interner Konzernunterlagen, Gerichtsakten, wissenschaftlicher Studien und zahlreicher Interviews die Geschichte der PFAS, der sogenannten Ewigkeitschemikalien (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) – und die Strategien, mit denen ihre Risiken über Jahrzehnte verharmlost oder verschleiert wurden.

Blake folgt in ihrem Buch im Wesentlichen zwei Handlungssträngen:
- dem Aufstieg von DuPont und der Entstehung der PFAS‑Industrie
- den Folgen für die Menschen in Hoosick Falls
Ihre Recherchen reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück: zur Gründung der Firma DuPont, die sich mit staatlicher Unterstützung zu einem der wichtigsten Waffen- und Sprengstofflieferanten der USA entwickelte. Später kamen synthetische Chemikalien hinzu. Die zufällige Entdeckung von Teflon durch Roy Plunkett markierte hierbei den Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte.
„Doch ohne Unterstützung der US-Regierung wäre diese Entdeckung bedeutungslos geblieben: Sie investierte enorme Summen, um Teflon von einer Kuriosität im Chemielabor zu einem marktfähigen Produkt zu entwickeln.“
Der scheinbare Wunderkunststoff wurde dank staatlicher Investitionen zum Verkaufsschlager – und bildete zugleich die Grundlage für die problematischen PFAS. Bei der Herstellung setzte DuPont jahrzehntelang PFOA als Prozesshilfsmittel ein, das über Abwässer und Emissionen in die Umwelt gelangte, Trinkwasser verseuchte und sich im Blut ganzer Gemeinden anreicherte. PFOA wurde so zum Symbol für die Kehrseite des chemischen Fortschritts – obwohl interne Daten früh auf toxische Wirkungen hinwiesen.
Hoosick Falls: Wenn Chemie krank macht
Der zweite Handlungsstrang führt nach Hoosick Falls im Bundesstaat New York. Blake begleitet Familien, deren Blut mit extrem hohen PFAS‑Konzentrationen belastet ist, den Chemikalien, die Unternehmen wie DuPont, 3M oder Saint-Gobain jahrzehntelang für unbedenklich erklärten. Die Betroffenen leben mit Fehlbildungen, chronischen Erkrankungen und großer Unsicherheit – verbunden mit dem Gefühl, von Unternehmen und Behörden im Stich gelassen zu sein. Hier entfaltet sich die emotionale Stärke des Buches: Die abstrakte Chemie wird zur Lebensrealität ganzer Gemeinden und Städte; über viele Jahre hinweg.
1981 kam Buck Bailey mit nur einem Nasenloch und weiteren schweren Fehlbildungen zur Welt – Folgen einer PFOA-Exposition. 37 Jahre später, am 28. Juli 2018, wurde Eliana Marpe geboren. Sie hatte 75.000 Nanogramm/Liter (ng/l) PFOA im Blut – deutlich mehr als die meisten Menschen in Hoosick Falls, wo der Durchschnitt bei etwa 28.000 ng/l lag. (Zur Einordnung: In Deutschland geht das Umweltbundesamt davon aus, dass oberhalb von 10.000 ng/L PFOA im Blut gesundheitliche Beeinträchtigungen möglich sind).
Blake beschreibt detailliert, wie Risiken verdrängt, Studien gezielt finanziert, juristische Schutzschirme aufgebaut, PR‑Strategien entworfen und enge Verflechtungen zwischen Industrie, Wissenschaft und Aufsichtsbehörden genutzt wurden. Erst unter wachsendem öffentlichen Druck und durch unabhängige Forschung kam Bewegung in die Sache: Wasseraufbereitungsanlagen wurden installiert, Entschädigungen gezahlt, regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen angeboten.
Hydra statt Happy End: PFAS im 21. Jahrhundert

Im Epilog fasst Blake die aktuelle PFAS‑Situation im „Schnelldurchlauf“ zusammen. PFOA und PFOS wurden zwar reguliert oder verboten, das Grundproblem blieb jedoch bestehen: neue PFAS als Ersatzstoffe, teils kaum untersucht, später ebenfalls als problematisch erkannt. Beispiele sind GenX oder Trifluoressigsäure (TFA).
„Fast jeden Tag bauten wir ein neues Molekül zusammen, das zuvor noch nie auf der Erde existiert hatte“, staunte ein Chemiker von 3M.
Einige PFAS sind inzwischen reguliert und es existieren Grenzwerte für Trinkwasser. Für Blake stellt sich die Frage, ob diese unter einer politischen Führung, die stark industrienah agiert wie die Trump-Regierung, Bestand haben werden. Zugleich hebt sie das vergleichsweise ambitionierte Vorgehen der EU hinsichtlich einer geplanten PFAS-Beschränkung hervor – ohne zu verschweigen, dass auch hier der Einfluss der Industrie erheblich ist und der Ausgang offen bleibt. Der Fokus liegt aber klar auf Amerika, Europa erscheint eher als Ergänzung und Kontrast.
Verständlich geschrieben, gründlich belegt
„Die Vergiftung der Welt“ ist ein Sachbuch, für dessen Lektüre kein Chemiestudium erforderlich ist. Trotz der komplexen Materie bleibt es gut zugänglich; auch Leserinnen und Leser ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund können folgen. Blake arbeitet sorgfältig quellenbasiert: Das umfangreiche Literatur- und Dokumentenverzeichnis umfasst rund 52 der 336 Seiten.
Das Buch zeigt, wie wir an diesen Punkt gekommen sind und welche Dynamiken – von Unternehmensstrategien bis zu behördlichem Versagen – PFAS groß gemacht haben. Der Leser kann nachvollziehen, warum Veränderung ohne öffentlichen Druck nur langsam oder gar nicht stattfindet oder stattfinden wird.

Warum dieses Buch für Europa wichtig ist
Vieles in Blakes Buch liest sich aus europäischer Sicht erstaunlich vertraut. Denn PFAS‑Hotspots gibt es auch in Europa: Mittelbaden, Altötting, Manching, St. Gallen, Venetien, Lyon, Antwerpen, Dordrecht oder Lebring sind nur einige Beispiele.
„Wer bislang „kein PFAS‑Problem“ hat, hat oft einfach noch nicht danach gesucht“ (Klatt)
Auch hier prägen Lobbyarbeit, Verzögerungstaktiken und politische Interessenkonflikte die Debatte. Das Buch hilft zu verstehen, dass es sich um strukturelle Muster handelt– und dass PFAS kein „amerikanisches Problem“ sind.

Ergänzender Hinweis: PFAS in Mittelbaden – ein europäisches Spiegelbild
Die von Blake beschriebenen Muster finden sich auch bei dem PFAS-Skandal in Mittelbaden:
Dort gelangten PFAS über belastete Papierschlamm‑Komposte in Böden, ins Grundwasser und schließlich in das Trinkwasser, das in der gesamten Region aufwändig gereinigt werden muss. Die Papierschlämme wurden von 14 verschiedenen Firmen an einen regionalen Komposthändler geliefert, der sie mit seinem Kompost mischte und auf die Äcker ausbrachte bzw. ausbringen ließ.
Die unmittelbaren Verursacher unterscheiden sich – die Ursachen nicht. Denn die PFAS‑haltigen Papier-Beschichtungen sind auch eine Folge der industriellen Entwicklung, die Blake beschreibt. Unternehmen wie DuPont und 3M haben mit der Erfindung und Vermarktung dieser Stoffgruppe auch die Grundlage für PFAS‑beschichtetes Papier geschaffen.

In diesem Sinne liegt der Ursprung, gewissermaßen der „Ground Zero“ der mittelbadischen Belastung, nicht in Rastatt oder Bühl, sondern in den Laboren und Strategien jener Konzerne, die PFAS zu einem globalen Massenprodukt machten.
Die Gemeinsamkeiten zwischen Hoosick Falls und Mittelbaden sind deshalb kein Zufall:
• ein Stoffsystem, das weltweit verbreitet wurde, ohne seine Risiken ausreichend zu prüfen
• ein regulatorisches Umfeld, das lange auf Einzelstoff‑Verbote statt auf Gruppenregulierung setzte
• ein Informationsgefälle zwischen Industrie, Behörden und Bevölkerung
• ein langes Zögern, bis die Dimension der Belastung öffentlich anerkannt wurde
Mittelbaden zeigt – wie viele Regionen in Europa –, dass PFAS‑Kontaminationen oft das Ergebnis eines Systems sind, das Risiken externalisiert und Verantwortlichkeiten fragmentiert. Auch hier gilt: lokale PFAS‑Probleme sind keine isolierten Einzelfälle, sondern Teil einer globalen Entwicklung.
Persönliches Fazit
Ich habe das Buch zunächst in der englischen Originalausgabe und später in der deutschen Vorab‑Version gelesen. Einiges kannte ich bereits aus anderen Artikeln – etwa die Verstrickung von Teflon, DuPont und dem Manhattan‑Projekt, wie sicher auch andere in der „PFAS‑Community“. Aber Blakes Recherchen sind so weitreichend und so dicht erzählt, dass sie dem Ganzen noch einmal eine zusätzliche Dimension geben.
Geradezu erschüttert hat mich die Einflussnahme von DuPont und anderen großen Chemiekonzernen auf die US‑Umweltbehörde EPA, die zu Beginn eher die Konzerne als die Bürger schützte – mit fatalen Folgen für betroffene Gemeinden.
Sehr nahe ging mir die Verzweiflung von Emily Marpe, deren Familie hohe PFOA‑Werte im Blut hat: „My children were violated. Who has the right to do that? I mean, you’re altering their organs, their DNA, their blood, their health outcomes. … There was no choice in that.“ (Horizons PBS News)
Eine Lese-Empfehlung? Ja, unbedingt.
„Die Vergiftung der Welt“ ist sowohl eine grundlegende Einführung in die PFAS‑Geschichte für Menschen, die noch wenig darüber wissen, als auch eine Vertiefung für diejenigen, die die PFAS‑Problematik kennen oder selbst betroffen sind.
Das Buch liefert keine einfachen Lösungen – aber ein klares Verständnis dafür, wie es so weit kommen konnte. Und warum sich ohne öffentlichen Druck wenig ändern wird.

©Patricia Klatt / pfas-dilemma.info
Weiterführende Literatur:
Bericht der Europäischen Kommission, Januar 2026; European Commission: Directorate-General for Environment, Ricardo, Trinomics and WSP, The cost of PFAS pollution for our society – Final report, Publications Office of the European Union, 2026, https://data.europa.eu/doi/10.2779/9590509
Goodman, A. (Moderator). (2025, 8. August). “They Poisoned the World”: The corporate cover-up & fightback against PFAS, “forever chemicals” [Radio-/Audio-Podcast]. Democracy Now! – Democracy Now!. https://www.democracynow.org/2025/8/8/forever_chemicals
Brangham, W. (Moderator). (2026, 31. Januar). How PFAS harm our health — and why they’re everywhere[TV-Episode]. In Horizons with PBS News. PBS. https://www.pbs.org/newshour/video/horizons/2026/01/how-pfas-harm-our-health-and-why-theyre-everywhere

