Alter Wein (1922)
Alte Weine ohne TFA, hier ein 1922er Rotwein, Foto Müller

Professor Dr. Michael Müller leitet den Lehrstuhl für Pharmazeutische und Chemische Medizin am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Freiburg. Als einer der führenden deutschen Experten für Ewigkeitschemikalien erforscht er die Verbreitung und Risiken von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS).

Ein Schwerpunkt liegt hier auf Trifluoressigsäure (TFA), dem kleinsten aller PFAS-Moleküle. Müller wies den drastischen, weltweiten Anstieg dieser mobilen Substanz in der Umwelt unter anderem über die Analyse historischer Weinjahrgänge nach. 

TFA: Das kleinste PFAS-Molekül wird zum globalen Umweltproblem

Herr Prof. Müller; wieso TFA? Wie kam es, dass Sie sich damit beschäftigten?

Müller: Es war die Kombination aus Lehre und Forschung, die uns zu dieser Erkenntnis brachte:  Aus unseren Forschungsarbeiten zur Biosynthese von Naturstoff geht hervor, dass schon Enzyme komplex – somit nicht vollständig erklärbar – sind. Greifen wir mit persistenten Substanzen in diese Netzwerke ein, resultiert dies in unvorhersagbaren Effekten. Aus unseren Vorlesungen und Seminaren an der Universität Freiburg zu Arzneimitteln im Wasserkreislauf und zur Nachhaltigen Pharmazie ging hervor, dass immer mehr persistente Wirkstoffe zugelassen und verwendet werden. Ein oftmals gefundenes Abbauprodukt ist Trifluoressigsäure, kurz TFA. 

Es heißt: In Vino Veritas – heute muss es ja eher heißen: In Vino PFAS. Wie sind denn die Ergebnisse der Weinuntersuchungen, die Sie durchgeführt haben?

Müller: TFA in Wein hat zeitlich betrachtet drei Stufen durchlaufen: während TFA in alten Wein Proben so gut wie nicht nachweisbar ist, stieg der TFA-Gehalt bis Anfang der 2000er Jahre langsam an, und nimmt seitdem in einem auch für uns unerwarteten Maße sehr deutlich zu. Dieser Trend gilt global mit gewissen regionalen Besonderheiten: so finden wir mehr oder weniger stark ausgeprägte Unterschiede zwischen Bio – und konventionellem Wein.

Gemessene TFA-werte im Wein, Abbildung, Quelle Michael Müller

Trinken Sie  überhaupt noch Wein mit Genuss?

Müller: Ja, genau das ist Wein: ein Genussmittel. Da der Anstieg des Gehalts an TFA in zahlreichen Pflanzenprodukten inzwischen gezeigt wurde, würde diese Frage für unsere Ernährung grundsätzlich gelten. Übrigens: in tierischen Produkten finden sich erhöhte Werte der langkettigen PFAS. Somit gilt, dass wir in Anbetracht der zu Anfangs erwähnten Komplexität darauf achten müssen, dass unsere Nahrungsmittel genauso wie die Quelle des Lebens – Wasser – nicht weiter mit persistenten Substanzen belastet werden. 

TFA in Gewässern: Woher kommt die Belastung?

In dem deutsch-französischen Interreg-Projekt ReactiveCity untersuchen Sie u.a. die unsichtbare chemische Belastung von urbanen Gewässern. Einer der Schwerpunkte sind PFAS und TFA im Ab- und Regenwasser. Wie sind denn da die bisherigen Ergebnisse?

Müller: Auch hier gab es böse – aber auch sehr positive(!) – Überraschungen. In den Oberflächengewässern ist TFA inzwischen ubiquitär, also überall, nachzuweisen. Der Gehalt im Wasser ist deutlich niedriger als in Pflanzen, was zeigt, wie sehr Pflanzen TFA akkumulieren (während Tiere die langkettigen PFAS stärker akkumulieren): selbst wenn TFA im Wasser noch niedrig konzentriert ist, wird es durch die Pflanzen sehr stark aufkonzentriert. Wir müssten also noch viel stärker darauf achten, dass kein TFA in Gewässer gelangt.

Bild vom Bodensee, Foto Klatt

Unsere Untersuchungen zeigen auch, dass es viele Ursachen für TFA im Wasser gibt: diese können direkte Einleitungen sein, oder durch den Abbau von Vorläufersubstanzen (u.a. Medikamente, Pestizide) im Menschen und in der Umwelt ebenso wie in Kläranlagen, oder durch Regen aus dem Abbau in der Atmosphäre von F-Gasen (die z.B. in Klimaanlagen, Wärmepumpen, Asthma-Sprays benutzt werden). Teilweise kann man die Quellen eindeutig zuordnen, und wie unsere Untersuchungen zeigen, die positiven Effekte eines Stopps der Einleitung auch innerhalb kürzester Zeit nachweisen.

PFAS in Arzneimitteln: Brauchen wir die Fluorchemie wirklich?

In einem Gutachten, das Sie im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt haben, ging es um PFAS in Arzneimitteln. Die Ergebnisse wurden im Juni 2026 veröffentlicht. Die meisten haben wahrscheinlich dadurch zum ersten Mal erfahren, dass PFAS auch in Medikamenten enthalten sein können. Warum? Welche Funktion haben die Fluorchemikalien dort?

Müller: Hier ist zu unterscheiden zwischen einfach-fluorierten Medikamenten, die durch Enzyme abgebaut werden können, und den PFAS-Wirkstoffen, die mindestens einen vollständig mit Fluor abgesättigten Kohlenstoff enthalten: Diese können nicht vollständig abgebaut werden und resultieren oftmals in der Bildung von TFA. Eine Funktion dieser ‚Perfluorierung‘ ist damit offensichtlich: erhöhte Stabilität – leider auch nach dem Ausscheiden aus dem menschlichen Körper. Andere Funktionen sind, und dies ist auch eine Aussage der Hersteller selber, die Patentsituation. Was viele überraschen wird: die biochemische Wirkung erfordert keine Perfluorierung. 

„Dies ist eine zentrale Aussage der Untersuchungen: für 89 Prozent der PFAS-Wirkstoffe gibt es schon zugelassene PFAS-freie Alternativen“. (Michael Müller)

Wieviel davon kann denn bereits heute ersetzt werden, ohne dass die Menschen alle krank werden?

Müller: Diese Befürchtung entbehrt jeglicher Grundlage: nicht nur, dass es die erwähnten Alternativen bereits gibt, für die 11 Prozent der Arzneistoffe, für die noch keine PFAS-freien Alternativen zugelassen sind, sind diese in der Entwicklung oder kurz vor der Zulassung. Die Ergebnisse unsere Untersuchungen gemeinsam mit dem Umweltbundesamt sind eben keine Einschränkung, sondern zeigen vielmehr auf, dass es eine enormes Innovationspotential gibt: Arzneimittel für Patient*innen zu entwickeln, die zugleich nicht durch Persistenz schädlich für die Umwelt und auch die Allgemeinheit sind, sondern gut abbaubar sind. Vereinfacht könnte man sagen, die gut verträglich sind…😉

Bild mit Tablettenblister und Cartoonfigur zu PFAS in Medikamenten, Klatt

Einige Vertreter der Industrie sagen ja, dass TFA nicht gefährlich sei und dass man zu wenig wisse, um die Chemikalie zu verbieten. Sehen Sie das auch so? Ich meine, bei PFOA hat es rund 80 Jahre gedauert, bis die Internationale Agentur für Krebsforschung genug Erkenntnisse gesammelt hatte, um diese Chemikalie als gesichert krebserregend für den Menschen einzustufen. Soll das bei TFA nun genauso lange dauern? Und solange ist alles gut?

Müller: Ganz aktuell hat die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, den sicheren Grenzwert für die Exposition gegenüber TFA gesenkt (Die EFSA senkt sicheren Grenzwert für die Exposition gegenüber TFA). An der Gefährlichkeit von TFA, auch wenn es eine geringe akute Toxizität hat, kann es keine ernsthaften Zweifel geben.

Aus den vorherigen Verfahren, wie z.B. FCKW im Montreal-Protokoll, wissen wir, dass es tatsächlich sehr lange dauern kann, bis eine Gruppe von Substanzen weltweit reguliert wird. Genau darum geht es aber, um einen globalen Ausstieg aus der PFAS-Problematik: global im Sinne von internationaler Übereinkunft, und global im Sinne von Gruppenbetrachtung der PFAS. Ebenso wie PFAS-Medikamente nicht essentiell sind, gilt dies auch für nahezu alle anderen PFAS-Produkte. 

Vielen ist sicherlich nicht bewusst, wie zeitlich knapp vor der Zerstörung der Ozon-Schicht das Montreal-Protokoll getroffen wurde, sozusagen in letzter Minute. Auch bei den PFAS haben wir keine Zeit mehr zu verlieren!

TFA: Gibt es noch einen Ausweg aus der Ewigkeitschemie?

TFA verbreitet sich über Wasser und Luft und es ist persistent. Man hat die Chemikalie überall gefunden, sie ist ebenfalls „gekommen, um zu bleiben“. Wie sehen Sie, auch angesichts Ihrer Untersuchungen, die allgemeine Situation hinsichtlich TFA? Gibt es irgendwo einen Lichtblick?

Müller: Ja, wir konnten zeigen, dass ein Stopp der direkten Einleitung von TFA innerhalb kürzester Zeit auch in der Umwelt nachgewiesen werden kann. Erfreulich ist auch, dass, so tragisch wie die Kurve des TFA-Anstiegs im Wein auch ist, dies sehr vielen vor Augen geführt hat, dass wir aktiv werden müssen.

Auch die Alternativen bei den Medikamenten zeigen, dass wir Alternativen haben! Und: die Zusammenarbeit mit unseren Studierenden macht mich täglich hoffnungsfroh; Ich möchte nur ein Beispiel heranziehen: für den Freiburg-Marathon hat sich eine Gruppe T-Shirts mit dem Aufdruck „Wettlauf gegen TFA“ selber gestaltet. Geniales Wortspiel, oder?

Michael Müller mit TFA-T-Shirt, Abb. Müller - KLatt

Was sollen die Wasserversorger machen, wenn es irgendwann strenge Grenzwerte für TFA im Trinkwasser geben sollte? Wir können ja nicht überall Umkehrosmose-Anlagen einbauen. Gibt es dann kein Trinkwasser aus dem Hahn mehr oder müssen wir einfach mit diesem PFAS leben? 

Müller: Zunächst möchte ich in Erinnerung rufen, dass der Grenzwert für TFA in Trinkwasser in Deutschland in den letzten 10 Jahren in zwei Schritten angehoben bzw. aufgehoben wurde! Dies war auch ein Resultat der direkten Einleitung von TFA in ein Oberflächengewässer. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass Grenzwerte alleine uns vollständig vor Risiken schützen. Wir werden uns auch damit befassen müssen, was unser eigener Beitrag ist: möchten wir persistente Eigenschaften von Substanzen weiter fördern oder sind wir offen für nachhaltigere Alternativen.

Den TFA-Gehalt in Wasser (es gibt nur einen Wasserkreislauf, und da TFA eine (sehr) starke Säure ist, wird es als Anion im Wasser verbleiben) zu senken wird erfordern, dass wir global aus der direkten Einleitung und den Vorläufern aussteigen. 

„‚End-of-pipe‘ Lösungen, wie es die Umkehrosmose ist, sind Augenwischerei: für den Großteil der Weltbevölkerung – und für die Natur, siehe Pflanzen – ist dies keine Alternative!“ (Michael Müller)

Ihre Wünsche für die Zukunft hinsichtlich PFAS wären?

Müller: Wünschenswert wäre, dass wir gemeinsam – Industrie, Gesellschaft, Politik – und global an einem Strang ziehen. Dies wird nicht einfach, aber am Beispiel TFA/PFAS könnte sich zeigen, dass die Menschheit in der Lage ist global und nachhaltig zu handeln

 

Herr Prof. Müller, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

 

🔍 Hintergrund und weiterführende Links:

 PFAS sind in Böden, Nahrung, Alltagsprodukten und Trinkwasser nachweisbar; mehr dazu hier:👉PFAS Dilemma globale Folgen

© Patricia Klatt; „Der neue ‚Stern am PFAS-Himmel‘“ ist eine von PFAS-Dilemma geprägte Formulierung für TFA.

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