PFAS/PFC-Infoveranstaltung, 22.6.2022, Foto Klatt

Hanf, Beton – und PFAS/PFC?
Neue Erkenntnisse brauchen neue Wege

Wird es neue Erkenntnisse in Sachen PFAS/PFC geben, welche Ergebnisse der langjährigen Forschungsprojekte werden präsentiert werden und wie ist überhaupt das allgemeine Interesse an PFAS-Infos nach zwei Jahren Corona-Pause? Die Behörden hatten am 22. Juni zu einer allgemeinen PFAS/PFC-Infoveranstaltung in das Landratsamt in Rastatt eingeladen.

 

Die Frage nach dem allgemeinen Interesse müsste man ehrlicherweise mit „geht so“ beantworten. Der Saal war zwar locker gefüllt, aber neben den Zuhörern saßen dort auch die Fachreferenten, deswegen eine vorsichtige Schätzung von rund 100 Interessierten, die gekommen waren.
Das ist bedauerlich, denn man konnte an diesem Abend doch viel Neues erfahren und bekam vor allem auch einen Eindruck von der intensiven Forschung, mit der man dem PFAS-Problem in den letzten Jahren auf den Grund gegangen ist. Vor-Ernte-Monitoring und BeMiKo,  Grundwasserströmung und Grundwassermodell, Anpassungen und Reinigungsmethoden der Trinkwasserversorger an die Belastung des Rohwassers wurden auf vielen Postern gezeigt und von den Fachleuten dann auch gleich erklärt.

Neben diesen, seit vielen Jahren bekannten Fakten wurden aber auch aktuelle Ergebnisse präsentiert:


Welche PFC in welchen Konzentrationen werden aus welchen Böden wie aufgenommen?

Die untersuchte Pflanze war Weizen, der die fluorierten Chemikalien bekanntlich sehr bereitwillig aufnimmt. Untersucht wurde das an sandigem, tonigem und schluffigem Lehm mit unterschiedlichen PFAS-Konzentrationen. In allen Fällen fanden sich im Stroh die höchsten Konzentrationen, aber auch in den Körnern und in den Wurzeln hat man die Chemikalien gemessen. Je mehr PFAS im Boden war, desto mehr PFAs fand man in den Pflanzen. Außerdem ließ es sich bei den PFAS in den Wurzeln nicht genau klären, ob das PFAS in den Wurzeln oder PFAS außen an den Wurzeln waren.


PFAS-Aufnahme aus dem Boden, wie ist das bei verschiedenen Pflanzen??

Dabei stellte man erst einmal fest, dass die Umwelteinflüsse auf die PFAS-Aufnahme sehr groß und noch nicht vollständig zu erklären sind. 
Weizen und Soja nehmen die Stoffe stark auf, das entspricht den Ergebnissen des VEM. Zusätzlich hat man die Feldversuche auf Pflanzen ausgeweitet, die in der Region wenig oder nicht angebaut werden wie Hanf und Lein. Aus wissenschaftlichen Publikationen weiß man, dass Hanf die PFAS grundsätzlich sehr stark aufnimmt und es stand/steht die Frage im Raum, ob der Hanfanbau in der Region nicht auch zur unterstützenden Phytosanierung der PFAS-Böden geeignet wäre? Die Ergebnisse hier bestätigen, dass die Blüten und Blätter von Hanf die PFAS sehr stark anreichern, was dann auch gleich die Frage nach der Verwertung nach sich ziehen muss. Interessanterweise ist es aber so, dass man im Öl von Hanf (und auch von Lein) zwar PFAS messen konnte, dass die aber so gering waren, dass hier eine Vermarktung möglich wäre. Es bleibt also dann wohl eine schlichte Rechenfrage; würde man mit der Vermarktung des Öls mehr verdienen als die fachgerechte Entsorgung von Blüten und Blättern kostet? Oder gäbe es womöglich noch Alternativen und welche könnten das sein? 


Lebensmittelkontrollen

Das VEM wird durch die stichprobenartige Lebensmittelüberwachung ergänzt.

Erfreulicherweise zeigten sich bei den pflanzlichen Lebensmitteln keine Überschreitung der baden-württembergischen Beurteilungswerte, aber man konnte trotzdem PFAS nachweisen wie in Erdbeeren, Kartoffeln, Lauch, Spargel oder Zucchini. Da aber von keiner dieser Proben der BUW-Wert überschritten wurde, waren alle verkehrsfähig.
Bei den tierischen Lebensmitteln muss man das ein bisschen umfassender betrachten. Obwohl auch hier die BUW-Werte nicht überschritten wurden, fanden sich zum Beispiel bei allen untersuchten Eiern PFAS – was eben doch die Frage nach dem Futter der Hühner aufwirft. In Futtermitteln werden die Stoffe nicht deklariert, es müssen auch die erlaubten Werte eingehalten werden – aber offensichtlich reicht das nicht aus, um zu verhindern, dass sich die Chemikalien in den Eiern anreichern. Auch in Rind und Schwein fand man PFAS und auch hier stellt sich nicht nur die Frage nach der Vermarktung (war in allen Fällen möglich), sondern auch die grundsätzliche Frage nach den PFAS in Futtermitteln. Wären sie dort verboten, könnten sie sich auch nicht in den Tieren anreichern, die dann wiederum kostenpflichtig auf PFAS untersucht werden müssen. 


PFAS in Beton oder Zement?

Es stellt sich bei der Verwertung der belasteten Böden auch die Frage nach dem Einbau in Lärmschutzwände oder Konstruktionsbeton. Auch hier zeigten sich verblüffende Erkenntnisse, denn in beiden Fällen werden die Vorläuferverbindungen aufgrund des pH-Wertes abgebaut und würden dann zum Beispiel beim Beton-Recycling, das ja in der Kreislaufwirtschaft gewünscht wird, wieder in der Umwelt verteilt werden und man würde dadurch neue Probleme schaffen. Also nein, eine solche Verwendung sollte vermieden werden.

Und das Resümee der Veranstaltung? Neue Wege sind gefordert! 


Warum nicht Exkursionen zum Ort des Geschehens?

Die Informationen waren ausführlich und umfangreich, die Präsentation der Poster gelungen. Die Vorträge der Referenten und das Interesse der Leute waren „geht so“.
Im Gespräch mit Behördenvertretern wurde dann auch die Frage diskutiert, ob sich die Leute nicht mehr für die Umweltbelastung vor ihrer Haustür interessieren oder ob es einfach an der Zeit wäre, zusätzliche neue Wege zu gehen? 

Mein Vorschlag dazu wäre: vergesst die Vorträge und bietet stattdessen ergänzend Veranstaltungen direkt an den Orten des Geschehens an! 


Warum nicht einmal eine Exkursion mit Zug und gemietetem Bus zum Landwirtschaftlichen Technologiezentrum in Augustenberg, damit die Bürger sehen: was wird beim VEM gemacht, was ist eine Laboruntersuchung und wie findet das statt, welche technischen Geräte sind dafür notwendig? Oder auch zu den Wasserwerken der Region, damit die Bürger nicht nur im Fernsehen oder in der Zeitung die Reinigungsanlagen sehen? Oder wie wäre es mal mit einer Führung durch ein betroffenes Kieswerk oder zu Sanierungsprojekten wie in den Bußmatten? 
Oder auch mal ein Besuch in der Stabsstelle PFC, die die wenigsten Leute kennen, obwohl sie das „PFAS-Zentrum“ ist?
Mit ein bisschen Fantasie würde einem da bestimmt genug einfallen, das auch realisierbar wäre. Einen Versuch wäre es auf alle Fälle wert :) 

 

Weitere Informationen findet man auf der Homepage des Landratsamtes Rastatt:
 unter dem Punkt: Infoveranstaltung am 22. Juni 2022 im Landratsamt Rastatt

 

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