Röhrchen mit Blut und der Aufschrift: PFAS; KI-generiert

Habe ich PFAS im Blut? Bin ich betroffen?

Das ist für viele Menschen in der PFAS-Region in Mittelbaden leider keine theoretische Überlegung, sondern eine ganz konkrete Frage. Bürger hatten über einen unbestimmten Zeitraum hinweg PFAS-belastetes Trinkwasser konsumiert, bevor Gegenmaßnahmen ergriffen wurden.
Wie sieht es dort mit der PFAS-Belastung der Bevölkerung aus? Drei Blutuntersuchungen in den letzten neun Jahren zeigen:

Je nach Wohnort sind Bürger belastet / Die PFAS-Werte nehmen ab, die Gegenmaßnahmen greifen / Es gibt weiterhin Überschreitungen des HBM-II-Wertes / Eine Beratung durch Umweltmediziner wird nicht angeboten / Nur 12 von rund 180 Hausärzten aus Mittelbaden kamen zur einer angebotenen Ärzte-Infoveranstaltung

Der Abschlussbericht wurde am 5. Februar 2026 veröffentlicht.

 

PFAS im Blut und 834.000 Euro

PFAS sind gesundheitsschädlich und im Jahr 2023 wurden die PFAS PFOS und PFOA als vermutlich beziehungsweise als gesichert krebserregend eingestuft. In der EU gibt es deswegen seit einigen Jahren Regulierungen und Verbote für besonders gefährliche PFAS. Mittelbaden ist eine der Hot-Spot-PFAS Regionen in Deutschland; dort kamen mit PFAS-belastete Papierschlamm-Komposte auf die Felder. Folge davon ist eine großflächiger Belastung von Boden und Grund- und Oberflächenwasser, auch das Trinkwasser war zum Teil belastet. Die Wasserversorger der Region haben Gegenmaßnahmen ergriffen und das Trinkwasser hält überall die neuen PFAS-Grenzwerte ein. 

 

Grafik mit Zeitablauf der PFAS-Belastung in Mittelbaden

 

Inhaltsverzeichnis; die einzelnen Punkte können direkt angeklickt werden:

  1. PFAS-Blutuntersuchungen in Mittelbaden; Überblick
  2. Die wichtigsten Ergebnisse
  3. Was bedeuten die Werte?
  4. Was soll bei einer Überschreitung des HBM-II-Wertes passieren?
  5. Wie ist das in Mittelbaden?
  6. Verhaltenes Interesse der Hausärzte an PFAS-Informationen
  7. Was sagen Betroffene zu ihren Blut-Ergebnissen?
  8. Wie reagiert die Bürgerinitiative in Kuppenheim?
  9. Gesundheitsminister Manne Lucha unterstützt PFAS-Beschränkung (mit Einschränkung)
  10. Hintergrundkasten HBM-Werte
  11. Links

 

1) PFAS-Blutuntersuchungen in Mittelbaden; Überblick

Die erste offizielle Untersuchung im Jahr 2018 war durch den Einsatz der Bürgerinitiative "Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim" angestoßen worden. Die BI hatte bereits in den Jahren 2015 und 2016 in Eigenregie Studien beauftragt und hohe PFAS-Werte im Blut der Teilnehmer festgestellt. „Erst danach wurden die Behörden auch aktiv“, erinnert sich Ulrich Schumann, der Vorsitzende der Bürgerinitiative. 

Auf Drängen der BI gab Gesundheitsminister Manne Lucha im März 2017 die Erarbeitung eines Studiendesigns für Blutkontrolluntersuchungen und deren anschließende Durchführung in der mit per- und polyfluorierten Chemikalien (PFAS, damals noch PFC) belasteten Region Mittelbaden in Auftrag und kündigte die Einrichtung einer Expertengruppe PFC an. Neben Fachleuten sollte darin auch die Bürgerinitiative Kuppenheim mitwirken. Das Studiendesign wurde vor Beginn der Untersuchung mit dem Expertenkreis abgestimmt.
Ziel war es, die Belastung mit langlebigen Industriechemikalien wie PFOA und weiteren PFAS zu erfassen und ihre Entwicklung über die Jahre zu beobachten.

Blutabnahme einer Betroffenen zur PFAS-Untersuchung, Foto privat

Dafür wurden mehrere hundert zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus drei Gruppen in den Jahren 2018, 2020 und 2023 untersucht: 

  • Gruppe A:   Kuppenheim und Gernsbach-Kernstadt, Orten mit früher belastetem Trinkwasser
  • Gruppe B:  Bühl-Weitenung, Sinzheim-Müllhofen, Sinzheim-Halberstung, SinzheimSchiftung, Belastungen im Boden und Grundwasser
  • Gruppe C: Bietigheim, Durmersheim, Ötigheim, Steinmauern, Au am Rhein, Elchesheim-Illingen, unbelastete Kontrollgruppe


In einem Fragebogen hat man ergänzend Angaben zu Alter und Geschlecht, zur Ernährung und zum Trinkwasserkonsum sowie zu Wohnort und Wohndauer abgefragt.

„Insgesamt sind beim Landesgesundheitsamt 114.000 Euro Sachmittel und geschätzt 720.000 Euro Personalkosten für die drei Untersuchungsrunden angefallen.  Die hier aufgeführten Kosten hat das Land gezahlt“, so der Pressesprecher des Ministeriums. Der Abschlussbericht wurde am 5. Februar 2026, auf der Seite des Ministeriums veröffentlicht.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den Blutuntersuchungen bekamen abschließend vom Ministerium eine 12-seitige Infobroschüre der wichtigsten Ergebnisse zugeschickt:

Informationsheft
über die Ergebnisse der dritten Blutkontrolluntersuchung im Landkreis Rastatt 2023

Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für Ihre Teilnahme an der dritten Blutkontrolluntersuchung im Landkreis Rastatt im Jahr 2023. Durch Ihre zwei- oder dreimalige Teilnahme an den Blutkontrolluntersuchungen zwischen 2018 und 2023 konnten wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung der per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) im Blutplasma der Bevölkerung im Landkreis Rastatt gewonnen werden.
Ihre persönlichen Laborergebnisse der PFAS-Blutkontrolluntersuchung 2023 wurden Ihnen bereits mitgeteilt. Mit diesem Heft möchten wir Sie über die wichtigsten Ergebnisse der Blutkontrolluntersuchung 2023 informieren.
Alles Gute für Sie und mit freundlichen Grüßen
Ihr Untersuchungsteam

 

2) Die wichtigsten Ergebnisse: 

PFOA (Perfluoroctansäure)

Wer früher belastetes Trinkwasser konsumierte, hatte auch die höchsten PFOA-Werte im Blut (Gruppe A). Diese Werte nahmen über die drei Untersuchungsrunden hinweg ab, das wurde erwartet, da das Trinkwasser gereinigt wird.

Die Chemikalien verschwinden nur langsam aus dem Blut: die mittlere PFOA-Konzentration halbierte sich seit 2018 von rund 15,6 auf 7,5 Mikrogramm pro Liter. Da die Abbauzeit von PFOA im Körper einige Jahre beträgt, entspricht der  Rückgang der zum einen der bekannten Abbauzeit  und deutet weiterhin darauf hin, dass heute kaum noch neue Belastungen hinzukommen. 

Die Werte in den Gruppen B und C lagen deutlich unter denen der stärker betroffenen Gruppe A und sanken im Laufe der Untersuchungsjahre ebenfalls weiter. 

 

Abhängigkeit PFOA-Konzentration vom Alter und Geschlecht

Die Studie untersuchte auch die Abhängigkeit der PFOA-Konzentration vom Alter und Geschlecht: Insbesondere in Gruppe A wiesen Teilnehmer der „Jahrgänge 1967 und älter“ in allen drei Untersuchungsrunden höhere PFOA-Werte auf, was mit der längeren Lebenszeit und der damit verbundenen längeren Exposition gegenüber PFAS zusammenhängen kann. 

Blick in ein Labor, PFAS-Blutuntersuchungen, KI-generiert

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Man fand auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen:  Im Jahr 2018 hatten Frauen in den früher belasteten Orten höhere PFOA-Werte im Blut als Männer. Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Ergebnissen anderer Studien wie beispielsweise in Italien, in denen die Männer höhere Konzentrationen aufwiesen.

„Um zu untersuchen, weshalb in der vorliegenden PFAS-Blutkontrolluntersuchung im Gegensatz zur Literatur Frauen höhere PFOA-Konzentrationen aufwiesen als Männer, wurden die Fragebögen in Hinblick auf den früheren Trinkwasserkonsum ausgewertet. In dieser Auswertung zeigten Frauen tendenziell einen höheren Trinkwasserkonsum als Männer.

Dies könnte möglicherweise ein Hinweis darauf sein, weshalb Frauen in der vorliegenden Untersuchung höhere PFOA-Konzentrationen hatten als Männer“ (Zitat Studie, S.72/73). Bis 2023 sanken die Werte in Mittelbaden bei beiden Geschlechtern deutlich, bei Frauen aber stärker als bei Männern.

 

Untersuchung weiterer PFAS:

Grafik mit verschiedenen PFAS-Meßwerten

Neben dem Hauptzielparameter PFOA wurden in der PFAS-Blutkontrolluntersuchung im Raum Rastatt auch PFOS (Perfluoroctansulfonsäure), PFPeA, PFHxA, PFHpA, PFNA, PFDA, PFUnA, PFDoA, PFBS, PFHxS und PFHpS in den Blutplasmaproben analysiert. 

PFOS wurde in allen untersuchten Blutproben nachgewiesen. Ein Vergleich mit dem HBM-I-Wert zeigte, dass 81 bis 86 % der PFOS-Konzentrationen in den drei Gruppen A, B und C unterhalb des HBM-I-Wertes lagen und nur etwa 1 % der PFOS-Konzentrationen oberhalb der HBM-II-Werte (s. Hintergrundkasten). 

Bei der Untersuchung der weiteren PFAS wurden in der dritten PFAS-Blutkontrolluntersuchung PFPeA und PFHxA in keiner Blutprobe oberhalb der Bestimmungsgrenze festgestellt.

Im Vergleich hierzu wurden die anderen PFAS oberhalb der Bestimmungsgrenze nachgewiesen:  Die Konzentrationen waren allgemein meist im niedrigen einstelligen Mikrogrammbereich oder darunter. Aufgrund fehlender Beurteilungswerte war eine gesundheitliche Bewertung für diese PFAS nicht möglich. (Auszug aus dem Bericht, S.73, 74).

 Der Gesundheitsminster äußerte sich zufrieden, denn „die Belastung der Bevölkerung geht weiter zurück“, so Minister Lucha. „Das spricht dafür, dass keine relevante Anreicherung mehr stattfindet und die Maßnahmen der Trinkwasserversorger wirksam waren. Mittel- bis langfristig ist mit einer weiteren Abnahme der PFOA-Belastung zu rechnen.“ 

 

3) Was bedeuten die Werte ?

Zur Einschätzung der gesundheitlichen Relevanz von PFAS im Blut hat das Umweltbundesamt im Jahr 2020 sogenannte HBM-Werte I und II festgelegt (s. Infokasten unten).

HBM-II-Wert: Der HBM-II-Wert entspricht der Konzentration eines Stoffes in einem Körpermedium, bei deren Überschreitung eine für die Betroffenen als relevant anzusehende gesundheitliche Beeinträchtigung möglich ist.

 

4) Was passiert bei Überschreitungen des HBM-II-Wertes?

Das Umweltbundesamt empfiehlt in solchen Fällen:

🧪Maßnahmen zur Reduktion der Belastung,
 👩‍⚕️umweltmedizinische Beratung,
🔁 sowie regelmäßige Kontrolluntersuchungen.

 

Beratungsgespräch beim Arzt
Beratungsgespräch bei einem Umweltmediziner; so könnte es angeboten werden, Foto KI-generiert

 

5) Wie ist das in Mittelbaden? 

⁉️Gemessene HBM-II-Werte: Die PFOA-Werte lagen im Jahr 2023 in Gruppe A bei rund  38 Prozent der Teilnehmenden über dem HBM-II-Wert gegenüber 82 Prozent in 2018. In Gruppe C lagen keine gemessenen PFOA-Werte oberhalb des HBM-II-Wertes und in Gruppe B nur eine geringfügige Anzahl darüber.

✔️Maßnahmen zur Reduktion der Belastung: Das Trinkwasser in der Region wird gereinigt, das Vor-Ernte-Monitoring wurde ausgebaut, und die Lebensmittelüberwachung intensiviert. 

Umweltmedizinische Beratung: Eine umweltmedizinische Beratung werde es hier nicht geben,  denn die habe zum Ziel, die Quelle der Belastung zu erkennen und zu beseitigen. Das sei in Mittelbaden mit der Reinigung des Trinkwassers geschehen. „Aufgrund der weiten Verbreitung von PFAS in Umweltmedien und Nahrungsmitteln werden wohl nahezu alle Bundesbürger messbare Konzentrationen von PFAS in ihrem Blut haben“, erklärte die Stabsstelle PFAS am Regierungspräsidium in Karlsruhe auf Nachfrage. Auch zu Methoden zur individualmedizinischen Behandlung von Symptomen oder Erkrankungen könne von Seiten des öffentlichen Gesundheitsdienstes keine Beratung erfolgen. Diese obliege den behandelnden Haus/Fachärzten oder Umweltmedizinerinnen und Umweltmedizinern. Es gäbe zwar erste Versuche, einige PFAS gezielt durch die Gabe eines Resorptionshemmers für Cholesterin zu binden, aber da stehe die Wissenschaft am Anfang.

❌Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Die wird es wohl ebenfalls nicht geben. Den Betroffenen wird geraten, sich für alles Weitere an die Hausärzte zu wenden. 

"Es gibt derzeit leider keine konkreten Maßnahmen zur Absenkung der PFAS-Belastung im Körper. Da die wesentliche Expositionsquelle abgeschaltet wurde, ist es in der Regel nur eine Frage der Zeit, bis die Werte auf das Hintergrundniveau absinken sollten“, so der Pressesprecher des Sozialministeriums.

 

6) Verhaltenes Interesse der Hausärzte an PFAS-Informationen

Im Februar 2025 bot das Landratsamt Rastatt eine Informationsveranstaltung rund um das Thema  PFAS für Ärztinnen und Ärzte aus der Region an. Anlass war die Blutkontrollstudie im Landkreis. Von den rund 180 Hausärzten in Mittelbaden kamen nur zwölf, um sich zu informieren. Das ist möglicherweise dann ein Problem, wenn Betroffene von den Behörden zu ihren Hausärzten geschickt werden, um sich weitergehend über die Konsequenzen und Möglichkeiten bei einer PFAS-Belastung im Blut zu informieren.

Privatdozent Dr. med. Jürgen Hölzer (Ruhr-Universität Bochum) erläuterte den Ärzten die gesundheitliche Bewertung von PFAS und betonte die veränderte Einschätzung in den vergangenen 20 Jahren. PFAS seien nicht akut gefährlich, langfristige Auswirkungen seien jedoch weiterhin kritisch zu betrachten. Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wurden die Grenzwerte für PFAS in Trinkwasser und Lebensmitteln deutlich gesenkt.

Die Untersuchungen in Mittelbaden bewertet Hölzer als sinnvoll, weist jedoch darauf hin, dass entscheidend sei, welche Konsequenzen aus den Ergebnissen gezogen werden. Vorrang habe die Minimierung der Belastung, da PFAS weder in den menschlichen Körper noch in die Umwelt gehörten.

In der  Schweiz  gibt es übrigens konkrete Empfehlungen zum Vorgehen bei PFAS im Blut.  Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) sagen dazu in dem Artikel "PFAS - Sorge in der ärztlichen Praxis" vom  25. Juni 2025 u.a.:

Je nach Höhe der gemessenen PFAS-Konzentration (Summe der verschiedenen PFAS im Serum) reichten die Empfehlungen demnach von keiner Maßnahme bei Werten unter 2 ng/ml. Von 2 bis unter 20 ng/ml wird eine Reduktion der Belastung, Screening für Dyslipidämie, Überwachung von Hypertonie in der Schwangerschaft sowie die  Brustkrebs-Vorsorge empfohlen. Ab 20 ng/ml gilt es, zusätzlich die Schilddrüsenfunktion zu testen; nach Nieren- und Hodenkrebs und nach Symptomen einer möglichen Colitis ulcerosa zu suchen. 

 

Gesundheitsfolgen von PFAS in einer Abbildung dargestellt

Lesen Sie 👉 hier mehr zu den gesundheitlichen Folgen einer PFAS-Belastung (PFAS-Global, PFAS: Gesundheitsgefährdend und krebserregend)

 

7) Was sagen Betroffene zu ihren Blut-Ergebnissen?

Claudia Streichhahn aus Kuppenheim gehört zu der Gruppe, die jahrelang belastetes Wasser trank. „Das Leitungswasser hält zwar mittlerweile alle erlaubten Werte ein“, so Streichhahn. Sie hat aber als persönliche Konsequenz und zur Risikominimierung anfangs komplett auf Leitungswasser verzichtet und ist auf Flaschenwasser umgestiegen, „das waren jeden Tag alleine eineinhalb Liter für den Tee“. 

Anfangs habe sie auch zum Kochen Flaschenwasser genommen, mittlerweile bereite sie Nudeln und Kartoffeln wieder mit Leitungswasser zu.  Eine gewisse Unsicherheit ist aber vorhanden. „Es ist aus meiner Sicht einfach zu viel Vertrauen verspielt worden“, findet sie, die Informationen seien ihres Erachtens nicht ausreichend kommuniziert worden.

Noch bei der zweiten Runde überschritten ihre Gehalte für PFOA die unbedenklichen Werte. Ob ihre Autoimmunerkrankung daher kommt, kann Streichhahn nicht abschätzen, hält es aber für denkbar, „das gehört zu den möglichen Folgen einer PFAS-Belastung“.
Und dass in ihrem Umfeld so viele Leute erkrankt sind, ist für sie auch nicht beruhigend. Blasenkrebs, Lymphome, Darmkrebs oder auch Darmentzündungen und Schilddrüsenprobleme– ob das nun auf PFAS zurückzuführen sei, wisse sie natürlich nicht. 

Aber man hätte entsprechende Fragen nach Erkrankungen bei den jetzigen Untersuchungen  doch stellen müssen, so Streichhahn. Stattdessen sei es bei dem begleitenden Fragenkatalog zu den Blutuntersuchungen nur darum gegangen, was man gegessen und getrunken habe.

Sie fordert eine statistische Aufbereitung der Daten, „ein Autoimmun-Register, gibt es hier Häufungen von Erkrankungen, welche Querverweise kann man möglicherweise ziehen? Das dürfte doch heutzutage kein Problem sein, das entsprechend aufzubereiten“.

Schon nach der zweiten Blutuntersuchung hätte sie sich auch die Beratung durch einen Umweltmediziner gewünscht, weil ihre Werte eben nahe der bedenklichen Grenzen lagen. Sie habe viele Fragen gehabt und keinen Ansprechpartner, „man überlegt dann doch, woher kommt deine Krankheit, man ist verunsichert und fühlt sich im Stich gelassen“. Und obwohl zu erwarten ist, dass die  PFAS-Blutwerte aufgrund der Trinkwasserreinigung  weiter sinken werden, bleiben für Claudia Streichhahn Fragen offen. 

Laufender Wasserhahn mit Glas darunter, Ki-generiert

Ich habe nach der Veröffentlichung des dritten Untersuchungsberichts erneut mit ihr gesprochen (Februar 2026):

Claudia Streichhahn sieht ihre persönlichen Ergebnisse nach wie vor mit gemischten Gefühlen.  Zwar seien die PFOA-Werte weiter gesunken und sie liege nun unter den HBM-II-Werten, aber wie die Chemikalien im Körper umgebaut oder ausgeschieden werden würden, was im Körper passieren könne, dazu vermisse sie nach wie vor die Informationen.

Auch eine Beratung durch einen Umweltmediziner werde  nicht mehr in Erwägung gezogen oder für notwendig empfunden. „Es wäre eigentlich an der Zeit gewesen, nach Gesundheitsproblemen zu fragen und mit den Referenzgruppen zu vergleichen und evetuell ein Register anzulegen, um später zu schauen, ob in der Gegend bestimmte Erkrankungen vermehrt auftreten“, so Streichhahn.

Alles in allem sei das unbefriedigend und weil sich die Veröffentlichung  so in die Länge gezogen habe, sei die Thematik ganz weit weg.

 

8) Wie reagiert die Bürgerinitiative in Kuppenheim?

Der Zeitfaktor ärgert auch Ulrich Schumann, den Vorsitzenden der Bürgerinitiative Kuppenheim (BSTK).

Im Oktober 2025 sei der Expertenkreis noch einmal zu einer online-Sitzung eingeladen worden, bei der u.a. die Ergebnisse vorgestellt worden seien.  Für Schumann kam diese Information viel zu spät und man hätte sich mehr auf die Vorstellung der Ergbnisse konzentrieren können statt den Fall Rastatt nochmals vorzustellen; „das kennen wir alles“. Letztendlich sei sehr wenig Zeit für die Ergebnisse, die Konsequenzen und die Lehren daraus geblieben. 

„Es wurden Fortschritte gefeiert, die keine sind, denn auch wenn die Belastung zurückgeht, sind die PFAS ja immer noch da“, so Schumann. Die Frage, warum es drei Jahre von dem Beginn der letzten Untersuchung bis zur Vorstellung des Enberichts gedauert habe, sei auch unbefriedigend beantwortet worden; interne Gründe und Personalwechsel.

Für Schumann ein Zeichen dafür, dass das politische Interesse einfach nicht da sei; es scheine wichtiger zu sein, wie man in der Öffentlichkeit da stehe; er sagt:

Wenn in der Politik Interesse an irgendetwas besteht, dann läuft das; dann sind Gelder und Leute da“.

Dr. Ulrich Schumann, Vorsitzender der BI Kuppenheim, Foto Klatt

 

9) Gesundheitsminister Manne Lucha unterstützt PFAS-Beschränkung mit Einschränkung

Auf die Frage, wie Gesundheitsminister Lucha angesichts der quasi täglich wachsenden Erkenntnisse über die gesundheitliche Relevanz der PFAS den bei der ECHA von 5 Ländern eingereichten Beschränkungsvorschlag aller PFAS (ausgenommen gesamtgesellschaftlich notwendige) sieht, antworte mir seine Pressestelle am 29.9.2025:

Wo Ersatzmaterialien mit ausreichend äquivalenten Eigenschaften, Qualität und Verfügbarkeit vorliegen, und diese gesundheitlich unbedenklich sind, sollten diese u. E. zum Einsatz kommen. Die Forschung zu diesen Ersatzstoffen sollte nach Möglichkeiten unterstützt und gefördert werden, um gute und wirtschaftlich tragfähige Materialien zu identifizieren.

Als Gesundheitsministerium müssen wir jedoch auch die Verfügbarkeit mit beispielsweise lebenswichtigen Medizinprodukten im Blick behalten. Beschränkungsverfahren müssen dies berücksichtigen und können daher nur mit Augenmaß insofern voran getrieben werden, als dass die Versorgungssicherheit der Patientinnen und Patienten gewährleistet bleibt.

Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration setze sich für eine zukunftsgerichtete, verantwortungsvolle und evidenzbasierte Politik bezüglich des Umgangs mit PFAS ein, so die Pressestelle des Ministers.

 

10) Hintergrundkasten:

HBM-I- und HBM-II-Werte für PFAS einfach erklärt:

Die Human-Biomonitoring-Werte (HBM-Werte) des Umweltbundesamts geben an, welche Konzentration chemischer Stoffe im Blut gesundheitlich unbedenklich ist. Es sind für die beiden PFAS Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) solche Werte festgelegt:

HBM-I-Wert: 
Unterschreitet die Konzentration diesen Wert, sind keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten. Für PFOA beträgt er 2 µg/l, für PFOS 5 µg/l Blutplasma.

HBM-II-Wert: 
Wird dieser Wert überschritten (PFOA: 10 µg/l, PFOS: 20 µg/l), ist gesundheitlicher Handlungsbedarf gegeben. Für Frauen im gebärfähigen Alter gelten strengere Werte.

Handlungsbedarf bei Überschreitung des HBM-II-Wertes:
Dazu können zählen: Ärztliche Beratung, Minimierung der PFAS-Belastung und langfristige Gesundheitskontrolle. Bei deutlicher Überschreitung rät das Umweltbundesamt zu regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, da PFAS im Körper lange verbleiben können.

 

11) Links: 

 

© Patricia Klatt/pfas-dilemma.info

 

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