Recycling und PFAS passen aktuell nur sehr begrenzt zusammen – und genau darin liegt ein Kern des PFAS‑Dilemmas: Klassisches „Kreislaufwirtschafts‑Denken“ gerät an seine Grenzen, wenn Stoffe praktisch ewig bleiben. Auf der Suche nach Lösungen, Kosten und Regulierungen.

 

Welt Recycling Tag

Am 18. März macht der Weltrecyclingtag darauf aufmerksam, wie wichtig Recycling für Ressourcenschonung und Klimaschutz ist. Recycling wird inzwischen als „siebte Ressource“ gefeiert, weil es Primärrohstoffe ersetzt und Millionen Tonnen CO₂ einspart. Doch PFAS– die „Ewigkeitschemikalien“ – sprengen dieses Erfolgsnarrativ: Sie wandern mit durch die Stoffkreisläufe und verschwinden nicht einfach, nur weil wir recyceln.

Wissenschaft und Politik und PFAS-Recycling, Bild KI-generiert
Bild KI-generiert

 

PFAS. Unsichtbar und überall

PFAS verdanken ihre begehrten Eigenschaften der extrem stabilen Kohlenstoff‑Fluor‑Bindung. Genau diese Stabilität macht sie aber nahezu unzerstörbar. Werden PFAS‑haltige Materialien nicht verbrannt, sondern recycelt, besteht die Gefahr, dass sich die Chemikalien im Kreislauf anreichern: in Produkten, Abwässern, Klärschlämmen und am Ende in Böden, Gewässern, Pflanzen und im menschlichen Körper.

Aus Sicht von Umweltfachleuten bedeutet das: Recycling an sich ist zwar gut, aber Recycling von „falschen“Stoffen kann Umweltprobleme verlängern statt lösen.

 

Schilder vom Recyclinghof, Foto Klatt
Wo geht's zur richtigen Sammelstelle? Foto Klatt

 

Welche PFAS-belasteten Produkte werden am häufigsten recycelt?

Textilien und Outdoor-Kleidung

Gebrauchte Kleidung, Teppiche, Polsterstoffe und Markisen werden zunehmend gesammelt und stofflich verwertet oder als Second-Hand weitergenutzt; hier sind PFAS wegen Imprägnierungen und Fleckschutz besonders häufig. Durch Wiederverwendung und Faserrecycling bleiben die PFAS in den Materialkreisläufen.

Papier, Karton und Lebensmittelverpackungen

Altpapier ist einer der größten Recyclingströme überhaupt und enthält PFAS etwa aus fettabweisenden Fast-Food-Verpackungen, Backpapier oder „kompostierbaren“ To-go-Verpackungen aus Papier, Pappe oder Zuckerrohr. Untersuchungen zeigen, dass recyceltes Papier und Kartonage einen Grundgehalt an PFAS aufweisen, der in neue Papierprodukte verschleppt wird.

Bau- und Rückbaumaterialien

PFAS-haltige Beschichtungen, Dichtungsmaterialien oder imprägnierte Baustoffe landen in Bauschutt, der teilweise zu Recyclingbaustoffen (z.B.Sekundärschotter) verarbeitet wird. Dabei verbleiben die PFAS meist im Materialkreislauf und können aus Recyclingbaustoffen wieder in die Umwelt freigesetzt werden.

Metalle mit PFAS-Beschichtungen

Metallteile (z.B. beschichtete Haushaltswaren oder Komponenten mit PFAS-haltigen Oberflächen) werden in großem Stil im Metallrecycling erfasst. Das Metall selbst wird zurückgewonnen, PFAS können aber in Prozessabfällen oder Emissionen auftauchen, wenn sie nicht vorher getrennt werden.

Kunststoffe und Elektronik

In Kunststoffen, Elektronikgehäusen, Kabeln und bestimmten Bauteilen werden PFAS als Additive oder Beschichtungen eingesetzt. Beim Kunststoff- und Elektronikrecycling bleiben diese Stoffe weitgehend in den Rezyklaten oder gehen in Staub, Prozesswasser und Schlämme über.

Blick in einen Elektroschrott-Container, Foto Klatt
Blick in Elektronik-Sammelcontainer, Foto Klatt

 

Fachberichte zu „PFAS in Abfallströmen“  betonen, dass insbesondere Textilien, Papier/ Karton (inkl. Lebensmittelverpackungen) und bestimmte Bau- und Kunststoffabfälle zu den mengenmäßig wichtigsten PFAS-relevanten Recyclingströmen gehören.

Problematisch ist, dass PFAS kaum gezielt entfernt werden und daher „unsichtbar“ mitrecycelt und verbreitet werden, statt aus dem Kreislauf zu verschwinden.

 

Neue Recycling‑Ansätze für PFAS – Hoffnung und Fragezeichen

Forschende in Großbritannien, den USA und Deutschland arbeiten an Wegen, die eigentlich unknackbare C‑F‑Bindung aufzubrechen. Ein Forschungsteam hat zufällig einen Prozess entdeckt, der PFAS mechanisch abbaut und Fluor so bindet, dass es anschließend als Rohstoff weiterverwendet werden kann – ein potenzieller Schritt hin zu echter Kreislaufwirtschaft beim Element Fluor.

An der Goethe‑Universität Frankfurt wurde ein Katalysator entwickelt, der PFAS spalten kann und damit sowohl für den Abbau als auch für die Synthese von Wirkstoffen interessant ist.

Allerdings sind diese Verfahren noch weit von einem großtechnischen Einsatz entfernt: Es ist unklar, ob sie wirtschaftlich, sicher und im industriellen Maßstab funktionieren. Selbst im Idealfall lösen sie nur einen Teil des Problems, denn sie verhindern weder die laufende Produktion neuer PFAS noch beseitigen sie die bereits großflächige Umweltbelastung.

Freiland-Solarflächen, Foto Klatt
Wie funktioniert das Recyceln großer Solarmodule? Foto Klatt

 

Politik zwischen Einsicht, Umsetzbarkeit und Lobbydruck

Politisch bewegen wir uns in einem Spannungsfeld: EU‑Vorgaben wie die künftige Verpackungsverordnung treiben höhere Recyclingquoten und eine Recyclingpflicht für Verpackungen voran.

Gleichzeitig diskutieren EU‑Behörden ein weitreichendes PFAS‑Verbot, weil die Umweltbelastung entlang des gesamten Lebenszyklus – von der Produktion über Nutzung bis zur Entsorgung – als nicht beherrschbar gilt.

Gutachten und Fachberichte betonen, dass Recycling allein das PFAS‑Problem nicht löst und sogar neue Risiken schafft, wenn PFAS‑haltige Materialien ohne strenge Kontrolle im Kreislauf gehalten werden.

Gefordert werden daher Anreize für echte PFAS‑Alternativen, PFAS‑freie Produktgestaltung und zugleich „effektive Recyclinglösungen“ nur dort, wo sie die Umweltbelastung tatsächlich reduzieren.

Outdoorkleidung PFAS-frei, Foto Klatt
PFAS-frei! Hier funktioniert der Stoffkreislauf, Foto Klatt

 

Fazit:

  • Recycling ist unverzichtbar – aber nicht jede Substanz gehört in den Kreislauf.

  • PFAS zeigen, dass Design‑ und Stoffverbote oft sinnvoller sind als problematische Chemikalien im Nachhinein aus den Produkten mühsam zu entfernen, falls das überhaupt möglich ist.

  • Neue Abbau‑ und Recyclingtechnologien für PFAS sind wichtig, sollten aber nicht als Freifahrtschein für „Business as usual“ bei PFAS missverstanden werden.

Die vielleicht unbequemste Botschaft zum Weltrecyclingtag lautet daher: Wirklich modernes Recycling beginnt nicht an der Tonne, sondern am Produktdesign und am Chemikalienrecht. Bei PFAS heißt das: so weit wie möglich vermeiden, gezielt ersetzen – und nur dort recyceln oder behandeln, wo klar ist, dass am Ende weniger PFAS in der Umwelt landen, nicht mehr.



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© Patricia Klatt/pfas-dilemma.info

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